Autor Thema: Mehr Schaden als Nutzen (23.06.2006)  (Gelesen 5701 mal)

Kreuvf

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Mehr Schaden als Nutzen (23.06.2006)
« am: Juni 23, 2006, 18:40:40 »
Kommentare zum Artikel "Mehr Schaden als Nutzen".

Rob Doc

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Re: Mehr Schaden als Nutzen (23.06.2006)
« Antwort #1 am: August 21, 2006, 18:49:51 »
Auf dem Hintergrund meiner praktischen Arbeit mit Menschen, die sexuell ausgebeutet wurden, folgende Anmerkungen zu dem Artikel.

Zitat
. . . male survivors of childhood sexual abuse face unique challenges . . .
Sexuelle Ausbeutung ist für jeden Menschen eine gravierende Grenzverletzung und hat weitreichende Folgen auf die biografische Entwicklung. Geschlechtsunterschiede bestehen aus meiner Erfahrung vor allem in unterschiedlichen Versuchen mit diesen Erlebnissen klar zu kommen. Wie weiter unten im Artikel ausgeführt ist bei Männern insbesondere die Bearbeitung der Opfersituation und Konfrontation mit dem männlichen Stereotyp wesentlich. 

Zitat
. . . that many health care practitioners do not recognize and understand as well as they should. . .
Das "Thema" ist zwar in aller Munde und es vergeht kaum eine Fernsehwoche, in der es nicht in der einen oder anderen Weise auftaucht. Was jedoch wirklich in dem jeweiligen Menschen vorgeht, die Ängste, Nöte, Spaltungen und selbstdestruktiven Teile, lässt sich nicht darstellen.
Im therapeutischen Bereich gibt es zwar mittlerweile spezielle Aus- und Weiterbildungen (Stichwort Traumatherapie) für die helfenden Berufe, die aber bei weitem nicht ausreichen.  Die Veröffentlichung der Studie in einem Journal für Pflegeberufe trägt hier sicherlich zur weiteren Aufklärung bei.

Zitat
. . . care providers are more skeptical toward male claims . . .
Die sexuelle Ausbeutung findet ja zu über 90% im familiären Umfeld statt, wodurch besonders der Täter-Opfer-Situation Frau-Mann bzw. Junge massive Auswikrungen haben kann. In meinem Berufsleben habe ich einige Männer behandelt, die regelmäßig unter psychotischen Schüben litten. 

Zitat
. . .  abuse by a male on a boy often causes confusion around sexual identity . . .
Ergänzend hierzu die Bemerkung, dass Täter als Kinder auch selbst Opfer waren, d.h. das Trauma nicht bearbeitet oder verändert haben, sondern es mit verteilten Rollen weiter inszenieren. Wie in der Untersuchung ausgeführt, treffe dies nur auf einen kleinen Prozentsatz zu. Andererseits sind Grenzüberschreitungen in der Kindheit vielfältig und in meiner Arbeit mit Tätern war deren Biografie immer mit Gewalt, Verletzungen und dramatischen Situationen durchsetzt.

Zitat
. . .  in some cases health care providers . . .  harmed more than healed . . .
Gerade bei diesem Thema sollte man sehr genau überlegen, welche "Kisten" geöffnet werden und welche besser geschlossen bleiben.

Zitat
. . . the situation is not totally bleak for male survivors
Stimmt, daher ja auch die Bezeichung "survivor" - es steckt sehr viel energetischen Potential in den Überlebenden, das in positiver Weise genutzt, auch eine zufriedene Lebensgestaltung ermöglicht.

Zitat
. . . Given that 5 to 10 per cent of men and 20 per cent of women are survivors of childhood sexual abuse . . .
Hier sollte auch an die recht hohe Dunkelziffer mitbedacht werden.

Zum Abschluss noch ein Hinweise auf ein Buch, das sich mal auf eine etwas andere Weise dem Thema multiple Persönlichkeitsstörung widmet, eine der vielen Möglichkeiten, wie Menschen, die sexuelle Ausbeutung erlebt haben, Wege aus der Angst finden.

Matt Ruff (2006) Ich und die anderen. dtv TB

Lady Mog

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Re: Mehr Schaden als Nutzen (23.06.2006)
« Antwort #2 am: August 22, 2006, 00:37:35 »
Zitat
. . . Given that 5 to 10 per cent of men and 20 per cent of women are survivors of childhood sexual abuse . . .
Soviele?! oO Wer weiß wo... Kann ich mir hier echt schwer vorstellen. Klar ich leb auch in nem sozial gesundem Umfeld, aber trotzdem.

Rob Doc

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Re: Mehr Schaden als Nutzen (23.06.2006)
« Antwort #3 am: August 22, 2006, 09:56:27 »
Ja, dem ist leider so, wobei es auf daran ankommt, wie man "Übergriffe" definiert - entscheidendes Kriterium ist die Bedrohung, massive Angst und Ohnmachtsgefühle. Leider zeigt die Erfahrung, dass dies gerade in den "besten" Familien vorkommt - also gerade hinter den "geranienbepflanzten" Balkonen. Ergebnisse aus der Opferforschung (Viktimologie) zeigen, dass statistisch gesehen der "Sittenstrolch" zur Minderheit zählt. In über 90% der Fälle kannte das Opfer seinen Täter.

Aus meiner Erfahrung heraus ist das Thema ist recht komplex und gruppiert sich um die Begriffe Liebe, Scham und Schuld:
Liebe: Oft besteht bereits vorher eine Beziehung zwischen Täter und Opfer, die auch mit positiven Seiten besetzt ist. Diese Ambivalenz macht die Sache dann ja gerade in der Bewältigung so schwierig.
Scham: Bei den Opfern ist besonders, wenn sie jung sind, oft nicht so klar, was da genau vor sich gegangen ist - klar ist nur, dass etwas Verbotenes geschehen ist. Oft wird auch mit Drohungen gearbeitet, die die Ängste verstärken. Ich kenne aus meiner Arbeit mehrere Klientinnen, die es ihrer Mutter erzählt haben und die dann nichts unternommen haben.
Schuld: Die gibt sich in der Regel das Opfer, z.B. was ist an mir, dass dies mir passiert ist, wahrscheinlich bin ich so schlecht. Bewältigungsversuche sind hier häufig Selbstverletzungen bis suizidales Verhalten oder dissoziative (multiple) Persönlichkeitsstörungen. Diagnostisch spricht man von posttraumatischen Belastungsstörungen, wie sie auch bei Menschen in Kriegsgebieten auftreten.